Schwierigkeiten voraus!

Der Einbruch der Linienverkehre nach China und Südostasien erreicht Europa erst jetzt. Damit drohen Lieferprobleme in der Industrie. Und Container können abseits der Hauptwirtschaftszentren knapp werden. Die Situation im Nordamerika-Verkehr ist hingegen noch normal.

Welche Auswirkungen wird der Produktionseinbruch in China voraussichtlich in Europa haben?

Der Seetransport von China nach Europa dauert im Schnitt 35 Tage. Bislang hat es daher bei der Versorgung mit (Vor-) Produkten aus China keinen Einbruch gegeben. Das ändert sich dieser Tage.

Zum Höhepunkt der Krise in China haben zahlreiche Reedereien ihren Linienverkehr von und nach China eingeschränkt. Derzeit stehen nur etwa 70 Prozent der zuvor üblichen Kapazität bereit. Weniger Schiffe aus China in den Transport-Hubs Rotterdam, Antwerpen und Hamburg bedeuten in der Folge auch weniger Feeder-Verkehre und weniger Bahn-/Straßentransporte ins Hinterland. Wir gehen davon aus, dass einzelne Feeder-Verkehre zeitweise komplett entfallen. Starke Rückgänge sehen wir bereits in Italien sowie zwischen Dänemark und Norwegen.

Die stornierten Überfahrten werden Ende März die europäischen Exporteure in ihren Möglichkeiten limitieren. Einzelne Nachfragespitzen können zudem zu Engpässen in der Seefracht aus Europa heraus führen.

Sind die Häfen weltweit handlungsfähig?

Ja. Selbst zum Höhepunkt der Corona-Krise in China scheiterten Transporte nicht an mangelnden Umschlagskapazitäten der Häfen. Auch ein deutlicher Produktionsanstieg nach Ende der Corona-Krise (Nachholeffekt) wird von den Häfen in China bewältigt werden. Schwierigkeiten sind vielmehr im Vor- und Nachlauf des Hafenumschlags zu erwarten (Straßentransport).

Gleiches gilt für die Häfen in Europa und Amerika. Selbst in Italien, das in Europa am stärksten vom Corona-Virus betroffen ist, gelten die Häfen als lebenswichtige Infrastruktur und arbeiten normal.

Gibt es bereits Auswirkungen im Verkehr mit Nordamerika?

Nein, diese Routen sind bislang unbeeinträchtigt. Da der Verkehr hier aber stark durch die europäische Exportwirtschaft geprägt ist, könnte es in den kommenden Wochen zu Überkapazitäten kommen, die von den Reedern mit einer Ausdünnung der Verkehre beantwortet wird.

Sind wesentliche Änderungen in den Frachtraten zu erwarten?

Die aktuellen Daten deuten im Sportmarkt auf leicht anziehende Preise von und nach China hin. Hierbei dürfte es sich aber um ein temporäres Phänomen handeln. In etwa sechs Wochen sollten sich die Preise wieder auf dem bisherigen Niveau eingependelt haben. Auch sinkt die Flexibilität zwischenzeitlich. Wer aber Jahresverträge hat, wird davon nicht betroffen sein.

Im Verkehr zwischen Europa und Nordamerika rechnen wir aufgrund ausreichender Kapazitäten zunächst mit sinkenden Preisen auf dem Spotmarkt.

In China stapeln sich Leer-Container. Welche Auswirkungen hat das in Europa?

Tatsächlich stehen für europäische Exporte derzeit weniger Container zur Verfügung als gewöhnlich. Das ist ein temporäres Problem, mit dem Transportdienstleister aufmerksam umgehen. Auch wächst im Markt die Bereitschaft, höhere Preise für Container selbst zu bezahlen. Größere Unternehmen bereiten sich entsprechend vor. Echte Engpässe dürften aber nur abseits der großen wirtschaftlichen Zentren auftreten, wenn Container weite Strecken über Land transportiert werden müssen.

Stellen kranke Mannschaften auf den Schiffen eine Gefahr für die Verkehre dar?

Einzelne Staaten wie Singapur, Indonesien, Vietnam oder Australien lassen derzeit keine Seeleute aus China an Land. Auf Umschlagzeiten hat dieses jedoch keinen entscheidenen Einfluss. Durch die hohe Automatisierung auf Landseite rechnen wir auch nicht mit Auswirkungen auf dem Umschlag, sollten Quarantänemaßnahmen in Häfen ausgeweitet werden.

Seit dem Höhepunkt der Corona-Krise ist der Ölpreis stark gefallen. Welche Auswirkungen hat das auf die künftigen Raten im Seetransport?

Der Ölpreisverfall ist nicht nur durch den Nachfrageeinbruch und die Verunsicherung getrieben, sondern auch Folge politischer Auseinandersetzungen zwischen dem OPEC-Kartell und Russland. Eine kurzfristige, sprunghafte Erholung des Ölpreises erwarten wir in den nächsten Wochen nicht. Reeder werden vielmehr die niedrigeren Treibstoffkosten zeitverzögert an die Kunden weitergeben.

Sind die Reedereien finanziell hinreichend gesund, die globale Konjunkturdelle zu verkraften? Oder werden Transportkapazitäten vom Markt genommen?

Wir erwarten keine nennenswerten Marktaustritte von Reedereien. Allenfalls könnten kleine asiatische Unternehmen betroffen sein. Vielmehr rechnen wir mit einer weiteren Konsolidierung durch Fusionen. Zudem könnten zuletzt stark gewachsene Anbieter gezwungen sein, ihre Expansion in Teilen wieder zurückzunehmen, um eine Überschuldung zu vermeiden. Änderungen an den Seefrachtraten erwarten wir dadurch nicht: Die physischen Transportkapazitäten bleiben voraussichtlich unverändert.

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