Luftfracht besteht ihre Prüfung

Erste Entspannung in Sicht

Die Frachtkapazitäten der Passagier-Flugzeuge sind fast komplett entfallen. Die Preise für Luftfracht haben sich jedoch inzwischen weitgehend normalisiert. Für kritische Gü-ter steht ausreichend Kapazität bereit. Angekündigte Grenzöffnungen geben Hoff-nung.

Aufatmen in der Luftfahrt: Die für Ende Mai und Mitte Juni angekündigten Grenzöffnungen in Mitteleuropa bringen etwas Erleichterung für Airlines. Sie richten sich auf eine Wiederaufnah-me des Passagierverkehrs im Frühsommer ein. Zunächst zwar nur mit wenigen, aber verlässli-chen Verbindungen. Damit steigt auch die verfügbare Frachtkapazität im Markt wieder.

Luftfahrtexperten waren zu Beginn der Corona-Krise von einer Entwicklung in Form eines „V“ ausgegangen: starker Absturz, aber auch starke Erholung. Demnach hätten Nachfrage und Angebot Ende 2020 wieder alte Niveaus erreicht. Inzwischen ist klar: Die wohl wahrschein-lichste Entwicklung ist eine zögerliche Erholung innerhalb von 12 bis 18 Monaten. Die Berater von Boston Consulting gehen davon aus, dass der Lockdown in vielen Ländern noch einige Monate lang anhalten dürfte und die Reisebeschränkungen nur langsam gelockert werden.

Einbruch des Luftverkehrs
Tatsächlich war der Flugverkehr in Europa im April um 85 Prozent gegenüber dem Vorjahr eingebrochen, berichtet die Deutsche Flugsicherung. Sie rechnet für das Gesamtjahr mit nur 50 Prozent des Flugaufkommens im Vergleich zu 2019. Frühestens im Februar kommenden Jahres werde das Flugaufkommen wieder 80 Prozent des Vor-Corona-Niveaus erreichen.

Die Folgen für die Branche sind dramatisch: Zahlreiche Airlines haben Kurzarbeit beantragt oder Massenentlassungen angekündigt; Luftfrachtfirmen ebenso. Erste kleine Airlines sind bereits insolvent, die großen Spieler im Markt fordern Milliardenhilfen von den Regierungen ihrer Heimatländer.

Auch die Lufthansa-Gruppe spricht derzeit mit der Bundesregierung über staatliche Unterstüt-zung und prüft zudem eine Insolvenz in Eigenverwaltung. Die skandinavische SAS kündigte an, sich von der Hälfte ihrer Mitarbeiter zu trennen. International bekanntestes Corona-Opfer ist die staatliche South African Airways – sie hat im April den Betrieb eingestellt. Insgesamt ist der Luftfrachtverkehr kleinteilig organisiert. Darum ist der Ausfall einzelner Anbieter bislang unkritisch.

Cargo gibt Hoffnung
Lichtblicke sind derzeit nur im Cargo-Verkehr zu finden. Zwar sank nach Angaben der IATA im März die Zahl der geflogenen Tonnenkilometer weltweit durch die eingebrochene Industrie-produktion um mehr als 15 Prozent. Die Nachfrage übersteigt aber derzeit das Angebot. Auch deshalb rüsten Airlines weiterhin ihre Flugzeuge temporär zu Frachtmaschinen um oder flie-gen mit Passagiermaschinen ausschließlich Waren. Für das Gesamtjahr rechter die IATA mit einem Rückgang zwischen 14 und 31 Prozent – je nachdem, wie scharf die Rezession ausfällt und wie schnell die Länder sich davon wieder erholen.

Die anfänglichen Preisexplosionen im Spotmarkt waren ein kurzfristiges Phänomen. Aktuelle Daten von Airlines und Forwardern zeigen nur geringe Ratenerhöhungen – auch, weil die Ka-pazitäten beständig erhöht werden. Das zeigt das Beispiel der Verkehre aus China deutlich: Aufgrund der zahlreichen Exporte medizinischer Produkte ist der Markt hier eng. Der Ver-gleich mit dem Vorjahr zeigt jedoch, dass das Angebot an Luftfrachtvolumen insgesamt um 6 Prozent zugenommen hat – trotz der weiterhin am Boden befindlichen Passagierflotte.

Richtig ist aber auch: Durch die Wiederaufnahme der Produktion in China sind die Kapazitäten derzeit punktuell knapp. Dem wirkt allerdings die stark rückläufige Nachfrage im Westen dem entgegen. In andere asiatische Länder sind die Luftfrachtkapazitäten eher knapp. Massen-transporte, etwa von medizinischer Ausrüstung nach Europa oder Nordamerika, sorgen zeit-weise für Engpässe. Daran ändern auch Sonderflüge wenig. In Indien sorgt der landesweite Lockdown auch für erhebliche Engpässe beim Straßentransport von und zu den Luftfrachtzen-tren. Der Verkehr mit Süd-Korea leidet derzeit und knappen Kapazitäten zu eher hohen Prei-sen, funktioniert aber zuverlässig.

Entkopplung von Nachfrage und Preisen
Der Verkehr zwischen Europa und Nordamerika ist ebenfalls eingeschränkt. Das gilt für Passa-ge und Cargo gleichermaßen. Entsprechend verlängern sich die Laufzeiten. Das gilt auch für Lateinamerika. Hier steigen seit Tagen die Fallzahlen stark – und mit ihnen der Bedarf an me-dizinischer Schutzausrüstung. Die Nachfrage nach Standardartikeln oder Vorprodukten sinkt hingegen. Diese Entwicklung dürfte allerdings nur temporär sein: Zahlreiche internationale Konzerne lassen in Lateinamerika produzieren und bestimmen den Transportbedarf nach glo-balen Erfordernissen.

Bereits Ende Mai könnte es zu nachhaltigen Änderungen von Angebot, Nachfrage und Prei-sen, sobald die Mehrzahl der Industriestaaten die bisherigen Beschränkungen zumindest wie-der lockert. In dieser Situation ist zu befürchten, dass die Airlines die Frachtraten in der Breite anziehen werden – unabhängig von Kapazitäten und Nachfrage. Reine Luftfrachtanbieter dürften dann mitziehen, um ihre Ertragssituation zu verbessern.

Stand: 15.Mai 2020

Weitere Informationen über die Folgen des Coronavirus auf die aktuelle Transportlogistik finden Sie hier.