Luftfracht besteht ihre Prüfung

Die Frachtkapazitäten der Passagier-Flugzeuge sind fast komplett entfallen. Die Preise für Luftfracht haben sich jedoch inzwischen weitgehend normalisiert; die anfänglich extremen Preisausschläge waren ein kurzfristiges Phönomen. Für kritische Güter steht ausreichend Kapazität bereit.

Der Höhepunkt der Corona-Krise ist in Asien überschritten. Wie entwickeln sich Kapazitäten und Raten im Asien-Verkehr?

Der Passagier-Verkehr nach Südostasien ist weiterhin stark eingeschränkt. Nunmehr ist auch Indien betroffen. Damit stehen bis auf Weiteres die durch Passagierflugzeuge bereitgestellten Frachtkapazitäten nicht zur Verfügung. Dieses wird mindestens bis Ende April anhalten. Allerdings sind die Auswirkungen weniger dramatisch, als anfänglich befürchtet. Vor Beginn der Corona-Krise waren die tatsächlich zur Verfügung stehenden Transportkapazitäten in der Luftfracht nur zu etwa 70 Prozent ausgelastet. Allerdings steigt täglich die Zahl der eingesetzten Frachtflugzeuge. Zudem setzen Airlines zunehmen auch Passagiermaschinen im reinen Frachtverkehr ein.

Die anfängliche Preisexplosion mit Steigerungen von bis zu 1000 Prozent auf dem Spotmarkt war ein kurzfristiges Phänomen. Inzwischen haben sich die Preise wieder weitgehend normalisiert, die Aufschlägen sind deutlich geringer geworden. Dazu trägt – neben der angewachsenen Kapazität – auch der Nachfragerückgang durch die konjunkturelle Abkühlung bei. Alle Marktteilnehmer sind bemüht, einen neuen „Normalzustand“ zu schaffen. Dieser ist jedoch durch knappere Kapazitäten zu moderat höheren Preisen gekennzeichnet. Als Unsicherheitsfaktor bleiben kurzfristige Grenzschließungen und Einreiseverbote.

Wird sich die Entwicklung im Nordamerika-Verkehr wiederholen?

Der Passagierverkehr zwischen Europa und Nordamerika ist seit wenigen Tagen ebenfalls eingeschränkt. Damit entfallen auch hier Frachtkapazitäten: Passagierflugzeuge transportieren in der Regel 60 bis 70 Prozent der Luftfracht. Ob Cargoflieger dies ausgleichen können, ist derzeit noch nicht verlässlich abschätzbar. Sie können jedoch auch kurzfristig umdisponiert und aus anderen Regionen abgezogen werden, um Lücken im Nordamerika-Verkehr zu füllen. Zudem setzen erste Airlines auch Passagiermaschinen ein, um nur Fracht zu transportieren. Wir rechnen in jedem Fall mit längeren Laufzeiten der Fracht.

Insgesamt ist der Luftfrachtverkehr kleinteilig organisiert. Darum ist der Ausfall einzelner Anbieter unkritisch. Problematisch dürfte ein „Herdentrieb“ der Fluggesellschaften sein, bei dem eine Vielzahl beziehungsweise eine Mehrheit der großen Netzwerk-Carrier die Verbindungen einstellen. Dem wirkt allerdings der Nachfragerückgang entgegen.

Wie stellt sich der Gesamtmarkt dar?

Unsicherheiten und veränderte Produktionsbedingungen bedingen weiterhin eine vergleichsweise kurzfristige Nachfrage nach Luftfracht in nahezu alle Regionen. Für den Februar berichtet die IATA über einen Rückgang der Luftfracht-Nachfrage in Höhe von 10 Prozent. Für das Gesamtjahr 2020 rechnet die Organisation der internationalen Airlines mit einem Rückgang von 15 Prozent. Dazu trägt auch bei, dass einzelne Regionen nicht mehr angeflogen werden können. Zuletzt hat Russland den internationalen Verkehr untersagt.

Stehen für kritische Güter ausreichend Kapazitäten zur Verfügung?

Ja. Auf allen Strecken ist derzeit der Transport relevanter Güter, etwa von Medikamenten, sichergestellt. Sie werden mit Priorität befördert. Dort, wo bislang Regularien und Auflagen den schnellen Transport behindert haben, greifen nunmehr Sondergenehmigungen, die eine schnelle Auslieferung ermöglichen. Insgesamt versucht die Luftfracht-Branche alles Menschenmögliche, Lieferketten aufrecht zu erhalten.

Haben die bereits erfolgten bzw. noch zu erwartenden Grenzschließungen in Europa Auswirkungen auf die Luftfracht?

Auch in der Luftfracht folgen die Anbieter einem Hub-Konzept. Der Zubringerverkehr erfolgt hier meist über die Straße. Grenzschließungen werden den Betrieb beeinträchtigen. Auch könnte die Zahl verfügbarer Fahrer den Transport beeinträchtigen. Nennenswerte Staus an den Grenzen, insbesondere zwischen Deutschland und Polen, waren ein kurzfristiges Phänomen.

Welche Auswirkungen hat die Corona-Krise mittelfristig auf die Fluggesellschaften und damit die im Markt bereitgestellten Frachtkapazitäten?

Die großen Fluggesellschaften verdienen ihr Geld mit der Passage. Cargo ist ein Zusatzgeschäft. Der Ausfall wesentlicher Strecken bedeutet eine erhebliche finanzielle Herausforderung für die Airlines. Bleiben am Ende bis zu zwei Drittel der Flugzeuge am Boden, helfen auch gegenteilige Entwicklungen wie ein sinkender Ölpreis nicht mehr. Selbst eine gesunde Gesellschaft wie die Lufthansa hat bereits angekündigt, Staatshilfen zu beantragen.

In dieser Situation ist zu befürchten, dass die Airlines die Frachtraten in der Breite anziehen werden – unabhängig von Kapazitäten und Nachfrage. Reine Luftfrachtanbieter dürften dann mitziehen, um ihre Ertragssituation zu verbessern.

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