Eine Branche wird herausgefordert

Gewaltige Staus an den Grenzen und Sorgen um die Fahrer: Die Logistik in Europa kämpft mit ungewohnten Herausforderungen durch kurzfristige Maßnahmen der Politik. Die Grundversorgung ist aber sicher. Speditionen haben ein hohes Interesse, ihre Kapazitäten weiterhin am Markt anzubieten

Welche Auswirkungen haben die nun erfolgten Grenzschließungen in großen Teilen der EU bzw. Europas?

Obwohl Regierungen angekündigt haben, den grenzüberschreitenden Warenverkehr durch die Grenzkontrollen nicht beeinträchtigen zu wollen, rechnen wir mit längeren Laufzeiten der Transporte. Eine Just-in-time-Produktion wird in den kommenden Wochen nicht aufrecht zu erhalten sein, sofern sie auf grenzüberschreitende Zulieferungen angewiesen ist.

In den kommenden zwei bis vier Wochen werden aber ausreichend Transportkapazitäten auf dem Markt angeboten. Spediteure haben ein hohes Interesse daran, diese anzubieten und auszulasten. Aus den vorliegenden Daten lassen sich allerdings noch keine Prognosen zur Preisentwicklung ableiten.

In Europa werden immer mehr Corona-Risikogebiete ausgewiesen. Welche Auswirkungen hat das?

Risikogebiete können zu einem Problem werden: Ist es Fahrern zumutbar, ihre Lastwagen in diese Gebiete zu steuern? Dürfen Fahrer überhaupt Risikogebiete wieder verlassen? Im Verkehr mit Italien steht der Intermodal-Verkehr bereit, um den grenzüberschreitenden Verkehr sicherzustellen, ohne Menschen erhöhten Risiken auszusetzen. Solche Systeme stehen aber insbesondere im Verkehr mit Osteuropa nicht oder nicht ausreichend zu Verfügung.

Angesichts des knappen Personalbestands bei Fahrern könnte es bei dem derzeitigen Tempo der Virusausbreitung schon kurzfristig zu Ausfällen kommen. Dem steht allerdings die sinkende Produktion gegenüber. Verlässliche Aussagen über die daraus resultierende Preisentwicklung lassen sich derzeit nicht treffen.

Sobald die Corona-Pandemie eingehegt ist: Wie werden sich Kapazitäten und Frachtraten im Landverkehr entwickeln?

Sobald die verordneten Einschränkungen aufgehoben sind, kann es zumindest kurzfristig zu einem Preisverfall kommen. Spediteure werden ihre Kapazitäten schneller auf dem Markt wieder umfänglich anbieten können, als Produktion und Nachfrage steigen. Wir gehen in der Anfangsphase der Normalisierung von einem sehr volatilen Markt aus.

Entscheidend wird sein, ob es der Branche gelingt, die abgestimmten Transportsysteme aufrecht zu erhalten bzw. wieder aufzunehmen. Nimmt hingegen die Zahl der Leerfahrten zu, weil nur für eine Strecke Fracht gebucht ist, kann es auch zu Preiserhöhungen kommen. Hier sind derzeit keine seriösen Vorhersagen möglich.

In Italien, Deutschland und anderen europäischen Ländern bleiben Geschäfte, die nicht der Grundversorgung dienen, geschlossen. Welche Folgen hat das für den Online-Handel?

Online-Händler werden kurzfristig profitieren. Das gilt für den Food- und Non-Food-Sektor gleichermaßen. Amazon stockt bereits das Personal auf. Limitierender Faktor sind aber auch für Online-Händler die Warenbeschaffung, die rückläufige Produktion und die Einschränkungen im grenzüberschreitenden Verkehr. Kunden müssen sich in jedem Fall auf deutlich verlängerte Lieferzeiten einstellen.

Weitere Informationen über die Folgen des Coronavirus auf die aktuelle Transportlogistik finden Sie hier.