Eine Branche wird herausgefordert

Gewaltige Staus an den Grenzen und Sorgen um die Fahrer: Die Logistik in Europa kämpft mit ungewohnten Herausforderungen durch kurzfristige Maßnahmen der Politik. Die Grundversorgung ist aber sicher. Speditionen haben ein hohes Interesse, ihre Kapazitäten weiterhin am Markt anzubieten

Wie haben sich die nachgefragten Kapazitäten und angebotenen Preise in den vergangenen Tagen entwickelt?

In den vergangenen zwei Wochen ist die Transportkapazität in der EU um 18 Prozent gesunken, verglichen mit dem gleichen Zeitraum des Vorjahres. Dazu trägt auch der scharfe Rückgang der Produktion in den Benelux-Staaten, in Frankreich, Italien und Spanien bei. Allein in Frankreich sank zwischen dem 12. und 26. März der Ausstoß um 27 Prozent. Der Rückgang betrug in Italien etwa 10 Prozent, in Spanien etwa 9 Prozent.

Gleichzeitig steigt die Rate der Transporte, die nicht mehr zu den Bedingungen von langfristigen Rahmenvereinbarungen ausgeführt werden. Zahl und Preise der Angebote für kurzfristige Transporte schwanken inzwischen erheblich. Auf den Spotmärkten sehen wir Preisspannen zwischen dem günstigsten und dem teuersten Angebot von 35 bis zu 140 Prozent – je nach Tag. Im Durchschnitt können Verlader derzeit mit 3,3 Angeboten je Auftrag rechnen.

In Deutschland sank die Fahrleistung der mautpflichtigen Lastkraftwagen im März 2020 saisonbereinigt um 5,9 % gegenüber Februar. Das war der stärkste je gemessene Rückgang gegenüber einem Vormonat seit Einführung der Lkw-Maut im Jahr 2005. Einen ähnlich deutlichen Rückgang der Lkw-Fahrleistung hatte es zuletzt während der globalen Finanz- und Wirtschaftskrise gegeben: Im Januar 2009 war der saisonbereinigte Lkw-Maut-Fahrleistungsindex um 4,3 % gegenüber dem Vormonat gesunken.

Wie werden sich die angebotenen Kapazitäten in den kommenden Monaten entwickeln?

Das wird entscheidend von der Länge der staatlich verordneten Einschränkungen abhängen und dem daraus folgenden Rückgang der Industrieproduktion. Wir konnten bereits im Februar einen deutlichen Rückgang bei der Neuzulassung von Lastkraftwagen in der EU beobachten. Spediteure stellen Investitionen massiv zurück. In Europa ging nach Angaben der Verband der European Automobile Manufacturers Association die Zahl der zugelassenen schweren Lastwagen um 19 Prozent zurück. Dazu trugen insbesondere Deutschland, Frankreich und Spanien bei. Bei mittelschweren Lastwagen lag der Rückgang europaweit bei 18 Prozent, bei leichten Lastwagen bis zu 3,5 Tonnen europaweit bei 4 Prozent.

Erst vor wenigen Tagen berichtete Volvo von stark wachsenden Stornierungen im Lkw-Geschäft. Auf das gesamte erste Quartal bezogen lag der Auftragseingang um 16 Prozent niedriger als ein Jahr zuvor.

Zahlreiche EU-Binnengrenzen waren zuletzt für den Personenverkehr geschlossen. Nun kündigen die ersten Regierung die Wiedereröffnung an. Welche Auswirkungen wird das auf die Transportlogistik haben?

Der Warentransport war auch in den vergangenen Wochen frei, auch wenn es teilweise zu längeren Wartezeiten gekommen ist. Ein aktuelles Bild zeigt die Datenkarte von Sixfold und Transporeon.

Eine Just-in-time-Produktion ist derzeit nicht möglich, sofern sie auf grenzüberschreitende Zulieferungen angewiesen ist.

Gibt es derzeit überhaupt ausreichend Fahrer?

Das ist je nach Land unterschiedlich. Die EU-Kommission hat jetzt Ausnahmeanträge von elf Mitgliedsstaaten zu den Lenk- und Ruhezeiten genehmigt, um Engpässen zu begegnen. Größtenteils werden die Lenk- und Fahrzeiten verlängert, teilweise auf bis zu 120 Stunden pro Woche. Die Ausnahmen gelten zunächst bis zum 31. Mai.

Wie sieht die finanzielle Lage der Spediteure aus?

Sie ist schwierig. Einer Umfrage des Bundesamtes für Güterverkehr zufolge haben inzwischen 44,1 Prozent der Transporteure Kurzarbeit eingeführt. In der Woche zuvor waren es erst 37 Prozent. Weitere 13 Prozent planen diesen Schritt.

Offenbar kein größeres Problem mehr scheint die Rückkehr von Fahrern aus Osteuropa zu zu sein. Zum Teil verzichteten Fahrer auf Wunsch ihres Arbeitgebers derzeit auf Heimreisen. In anderen Fällen kämen Lkw-Fahrer nach Vorzeigen der erforderlichen Arbeitgeberbescheinigung ungehindert nach Deutschland zurück. Befragte Unternehmen berichten zunehmend davon, dass sich zum Teil befürchtete Ausfälle nicht ereignet hätten oder das Personal in der Zwischenzeit, beispielsweise nach der Quarantäne, wieder zurückgekehrt sei.

Sobald die Corona-Pandemie eingehegt ist: Wie werden sich Kapazitäten und Frachtraten im Landverkehr entwickeln?

Bereits jetzt ist ein beispielloser Preisverfall im Markt spürbar. Teilweise werden Transporte weit unter den Kosten angeboten. Gegenüber den Vorjahr sind die durchschnittlichen Frachtraten um 12 Prozent gesunken. Sobald die verordneten Einschränkungen aufgehoben sind, kann es zumindest kurzfristig zu einem weiteren Preisverfall kommen. Spediteure werden ihre Kapazitäten schneller auf dem Markt wieder umfänglich anbieten können, als Produktion und Nachfrage steigen. Wir gehen in der Anfangsphase der Normalisierung von einem sehr volatilen Markt aus.

Entscheidend wird sein, ob es der Branche gelingt, die abgestimmten Transportsysteme aufrecht zu erhalten bzw. wieder aufzunehmen. Nimmt hingegen die Zahl der Leerfahrten zu, weil nur für eine Strecke Fracht gebucht ist, kann es auch zu Preiserhöhungen kommen. Hier sind derzeit keine seriösen Vorhersagen möglich.

In Italien, Deutschland und anderen europäischen Ländern bleiben Geschäfte, die nicht der Grundversorgung dienen, geschlossen. Welche Folgen hat das für den Online-Handel?

Online-Händler werden kurzfristig profitieren. Das gilt für den Food- und Non-Food-Sektor gleichermaßen. Amazon stockt bereits das Personal auf. Limitierender Faktor sind aber auch für Online-Händler die Warenbeschaffung, die rückläufige Produktion und die Einschränkungen im grenzüberschreitenden Verkehr. Kunden müssen sich in jedem Fall auf deutlich verlängerte Lieferzeiten einstellen.

Wo finden sich Informationen zu konkreten Maßnahmen und Bestimmungen, die den Straßentransport betreffen, in den einzelnen Ländern?

Die Internationale Road Transport Union (IRU) stellt über ihre 180 Mitgliedsverbände in 73 Ländern eine nahezu täglich aktualisierte Übersicht der Situation in den einzelnen Staaten bereit. Sie beschreibt detailiert Beschränkungen an Grenzen, Transportverbote, Sonderregeln und Lockerungen bisheriger Bestimmungen. Das Dokument kann auf der IRU-Website heruntergeladen werden.

 

Stand: 27. April 2020

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