Corona steckt die Wirtschaft an

Krise ohne Grenzen

Die wirtschaftlichen Folgen der Corona-Krise stellen alle anderen Konjunktureinbrüche seit Ende des Zweiten Weltkriegs in den Schatten. Die Erholung wird langsamer und später kommen als zunächst gehofft.

Weltweit sind die Frühindikatoren für die wirtschaftliche Entwicklung spürbar gesunken. Welt-bank, Internationaler Währungsfonds, Europäische Kommission, nationale Regierungen und Wirtschaftsforscher gehen einheitlich von einer globalen Rezession für 2020 aus. Sie werde stärker ausfallen als die Rezession durch die Bankenkrise 2008/2009 und könne das Ausmaß der Depression der Dreißigerjahre des vergangenen Jahrhunderts erreichen, schätzt der In-ternationale Währungsfonds (IWF). Im Einzelnen:

  • Die Weltwirtschaft könnte 2020 um 3 Prozent schrumpfen. Das wäre ein schlimmerer Wirtschaftseinbruch als jener nach der globalen Finanzkrise 2008/2009. Im Januar hat-te der IWF für 2020 noch ein Wachstum von 3,3 Prozent prognostiziert.
  • Die Wirtschaftsleistung der Eurozone könnte um 7,5 Prozent schrumpfen. Noch im Ja-nuar hatte der IWF für die Eurozone für 2020 ein Wachstum von 1,3 Prozent prognos-tiziert.
  • In Deutschland soll die Wirtschaft im Vergleich zum Vorjahr um 7 Prozent schrump-fen, in Italien gar um 9,1 Prozent.
  • Selbst in den normalerweise wachstumsstarken Schwellenländern erwartet der IWF einen Rückgang um 1 Prozent.

Auch in den USA kündigt sich eine schwere Rezession an: Bis Mitte Mai hatten sich mehr als 36 Millionen Menschen aufgrund der Coronakrise neu arbeitslos gemeldet. Die Federal Re-serve Bank rechnet mit einem Anstieg auf 47 Millionen in den kommenden Wochen. Damit stiege die Arbeitslosenquote auf mehr als 30 Prozent. Der IWF rechnet mit einem Rückgang des Bruttoinlandsprodukts um 5,9 Prozent, die Denkfabrik „National Bureau of Economic Re-search“ erwartet im vierten Quartal gar einen Einbruch von mehr als 10 Prozent gegenüber dem Vorjahresquartal.

Auch daher bemüht sich die US-Regierung, die Beschränkungen möglichst rasch aufzuheben. US-Präsident Trump hat dazu inzwischen einen Drei-Stufen-Plan vorgestellt. Allerdings trifft er dabei auf Widerstand zahlreicher Gouverneure der Bundesstaaten.

In Deutschland werden die Beschränkungen schrittweise aufgehoben: Inzwischen dürfen Ein-zelhändler größtenteils ihre Geschäfte wieder öffnen, Schulen beginnen wieder, zu unterrich-ten. Gaststätten bleiben hingegen weiterhin geschlossen, Veranstaltungen bis Ende August untersagt.

Um die wirtschaftlichen Folgen zu mildern und die Handlungsspielräume zu vergrößern, hatte die EU-Kommission bereits kürzlich den Stabilitätspakt aufgehoben. Nunmehr akzeptiert sie auch, dass die nationalen Regierungen umfangreiche Bürgschaften für Unternehmenskredite übernehmen. Bei Krediten von bis zu 500.000 Euro dürfen die Bürgschaften 100 Prozent be-tragen.

Mitte Mai scheinen die schlechten Daten auch an die Stimmung an den Finanzmärkten einzu-trüben: Nachdem Investoren und Börsenhändler wochenlang die Lage der Realwirtschaft ig-noriert hatten, setzt nun ein Kursverfall ein. Ein mit der Banken- und Anleihenkrise 2008 ver-gleichbarer Absturz ist aber ausgeblieben.

Der Ölpreis scheint sich nach einem beispiellosen Absturz nunmehr auf niedrigem Niveau zu stabilisieren: Er liegt etwa 40 Prozent tiefer als zu Jahresbeginn. Nach Einschätzung von Ener-gieagenturen dürfte die Öl-Nachfrage im Gesamtjahr 2020 um bis zu 15 Prozent sinken. Die ölproduzierenden Länder haben sich daher zuletzt auf eine Minderung der täglichen Förder-menge um etwa 10 Prozent geeinigt.

Länder / Regionen

China
Nach jüngsten Zahlen ist das Bruttoinlandsprodukt im ersten Quartal um 6,8 Prozent einge-brochen. Im Vorjahresquartal war die Volkswirtschaft noch um 6,1 Prozent gewachsen. Nach offiziellen Angaben erreicht Mitte April die Produktion inzwischen wieder mehr als 90 Prozent des Vor-Krisen-Niveaus. Wirtschaftsforscher und Handelskammern berichtet jedoch von nied-rigeren Werten. Ob ein weiterer Anstieg in den kommenden Wochen erfolgt, hängt weniger von der (unklaren) gesundheitlichen Situation in China ab, sondern von der Entwicklung der Nachfrage aus Europa und Nordamerika.

Asien
Die wichtigen Industriestandorte und Handelspartner Taiwan und Südkorea sind zwar unter-schiedlich stark betroffen, haben aber beide die Corona-Krise im Griff. Sie profitieren von frühzeitigen, konsequenten Maßnahmen zur Gefahrenabwehr. Die Zahlen für weitere große Staaten in Asien sind vielfach unzuverlässig. So meldet Indonesien lediglich 16.000 Infektio-nen, Indien nur 78.000 Infektionen insgesamt. Trotzdem ist das Land komplett abgeriegelt. In Tadschikistan, Turkmenistan und Nord-Korea haben die Regierungen per Dekret festgelegt, dass ihre Länder von Corona nicht betroffen sind.

Europa
Europa ist einer von zwei globalen Hotspots der Pandemie. Italien, Spanien, Frankreich und Großbritannien sind besonders betroffen, in Russland schießen seit wenigen Tagen die Fall-zahlen massiv in die Höhe. Fast alle Länder haben umfassende Ausgangssperren verhängt.
Die inzwischen vorliegenden Daten zur Produktion von Industrie und Gewerbe in der EU sind dramatisch: In Frankreich brach die Zahl der Transporte um mehr als 45 Prozent ein, in Italien um 37 Prozent und Spanien jeweils um die Hälfte. Die auf dem Markt angebotenen Trans-portkapazitäten übersteigen die Nachfrage inzwischen deutlich. EU-weit übersteigt das Ange-bot die Nachfrage um fast 70 Prozent. In Deutschland, Österreich und der Schweiz waren es 67 Prozent, in Frankreich hingegen nur 43 und in Belgien 35 Prozent. Allein in der Automobil-industrie sank in den vergangenen zwei Wochen der Ausstoß um mehr als 50 Prozent, in der holzverarbeitenden Industrie um 25 Prozent und in Bau- und Stahlindustrie um jeweils 20 Pro-zent.
Hoffnung gibt die langsam wieder anlaufende Produktion in der Automobilindustrie: Volks-wagen hat in Zwickau, Chemnitz und Dresden die Fertigung in Teilen wieder aufgenommen. Ende April folgten die Werke in Emden, Hannover und Wolfsburg.
Auch Renault produziert hat nach wochenlangem Stillstand wieder. In den Fabriken in Cléon, Le Mans und Choisy-le-Roi wird Mitte April wieder gearbeitet – auf niedrigem Niveau. Ende April startete das Werk in Flins-sur-Seine ebenfalls. Auch an den Renault-Standorten in Spani-en und Portugal ist die Produktion mit Einschränkungen wieder angelaufen.
Ford hat ebenfalls eine Wiederaufnahme der Produktion für den größten Teil seiner europäi-schen Werke angekündigt. Am 4. Mai hat das Unternehmen die Fertigung in den deutschen Standorten Saarlouis und Köln, im rumänischen Craiova sowie im spanischen Fahrzeugwerk Valencia sukzessive wieder hochfahren. Das Werk in Valencia erfolgt ab dem 18. Mai, wäh-rend die Motorenwerke im britischen Dagenham und Bridgend zu einem späteren Zeitpunkt starten.
Die Aussichten für die kommenden Tage sind auf niedrigem Niveau stabil. Im Automobil-Sektor legt jedoch der Spotmarkt leicht zu, im Segment „Wood & Timber“ sogar deutlich. Anders beim Transport von Fast Moving Consumer Goods: Hier kühlt der Spotmarkt etwas ab. Der Stahl- und Bausektor ist unverändert.
Auffällig hingegen: Während fast alle Landesmärkte sich unterhalb ihres Januar- und Februar-Niveaus bewegen, steigt die Nachfrage an den Spotmärkten für Spanien, die Beneluxstaaten, Ungarn und Rumänien deutlich an.

Nordamerika
Nach Europa sind die USA der zweite Corona-Hotspot geworden. Inzwischen zählen die USA ein Drittel aller weltweiten Coronafälle. US-Präsident Trump schwört inzwischen die Amerika-ner auf eine Tragödie ein, da die medizinische Versorgung zusammenzubrechen droht – auch, weil die Bundesregierung mit dem Krisenmanagement überfordert ist und die Bundesstaaten überwiegend auf sich allein gestellt sind. Trump rechnet nun mit 100.000 Toten im Land durch die Pandemie.
Der Luftverkehr zwischen Europa und den USA ist stark eingeschränkt, der Einreisestopp für Europäer bleibt bis auf Widerruf bestehen. Der Inlandsverkehr ist mangels Nachfrage auf ein historisch niedriges Tief gefallen.
Die europäischen Postunternehmen weisen derweil auf „massive Einschränkungen“ des inter-nationalen Warenversands hin. Der Versand von Päckchen und Warensendungen in die USA sei bis auf Weiteres eingestellt. Sie rechnen zudem mit weiteren Einschränkungen und erhöh-ten Entgelten für die Sendungen.

Stand: 15. Mai 2020

Weitere Informationen über die Folgen des Coronavirus auf die aktuelle Transportlogistik finden Sie hier.