Interview zu Logistik 4.0: „Wir werden die Echtzeitverbindung aller Prozesse erleben“

bridge with car light stribes at night

Auszug aus einem Interview der RWTH Aachen mit Peter Förster zum Thema Logistik 4.0 - Herausforderungen und Chancen.

Logistik 4.0 – inzwischen ein viel diskutiertes Thema der Logistikbranche. Wo liegen aus Ihrer Sicht die größten Herausforderungen?

Das kommt auf die Perspektive an, denn es ist ein sehr facettenreiches, komplexes Geschehen, dessen Teil wir alle im Moment sind. 4.0 verstehe ich zunächst einmal als fortschreitende Digitalisierung. In dieser Hinsicht bedeutet es völlig neue Formen der Kollaboration und Kommunikation über Unternehmens- und technische Grenzen hinweg. Damit ermöglicht 4.0 Effizienz- und Rationalisierungspotenziale für alle Beteiligten. Aber mehr noch: Ziemlich sicher führt die Digitalisierung zu neuen Möglichkeiten und Geschäftsmodellen. Hier liegen für die bisherigen Marktteilnehmer Gefahren und Chancen zugleich.

Angesichts von Umwälzungen ganzer Industrien etwa der Foto- und der Musikbranche durch Apple, des Handels oder des Taxigewerbes durch Amazon und Uber werden und müssen sich auch Spediteure und Logistiker fragen, wo zukünftig ihre Rolle und Funktion liegen kann. Für uns gilt das natürlich auch. Zwar hat die Transporeon Group hervorragende Lösungen, die im Markt stark nachgefragt werden. Aber auch wir müssen uns immer wieder hinterfragen.

Eine weitere Herausforderung ist das Kundeverhalten und die Erwartungen an Logistik – Stichwort etwas „sameday delivery“. Wer heute ein E-Commerce-Start-up gründet und nicht vom ersten Tag an perfekte Logistik bietet, wird keinen Erfolg haben.

Hinzu kommen die bestehenden Herausforderungen etwa in der Infrastruktur?

Exakt. Die enge Taktung der Verkehre, die verlängerten Transportzeiten in Verbindung mit dramatisch mehrbelasteten Infrastrukturen, mehr Staus, die reduzierten Lagerkapazitäten, die überlasteten Innenstädte, der Fachkräftemangel… Im Zuge der Digitalisierung ändert sich das Anforderungsportfolio an die Fahrer, sie werden vielleicht zu rollenden Disponenten. Sie benötigen fundierte Kenntnisse und natürlich vor allem Sprachkenntnisse. Der Kostendruck wird nicht geringer werden, auch nicht die ökologischen Rahmenbedingungen.

Wie sehen Sie die Zukunft – was ist für Sie 4.0?

4.0 ist für mich die Verschmelzung von realer und virtueller Welt mittels Internet und IT. Technische Bestandteile sind intelligente autonome Systeme, Sensorik, mobile Systeme, 3-D-Druck, Künstliche Intelligenz, Big Data inkl. Predictive analysis und entsprechenden Entscheidungsableitungen.

Wir werden die Echtzeitverbindung aller Prozesse in der Lieferkette bis hinein ins Hochregallager oder die Produktion erleben, die Supply Chain wird flexibler und kann viel schneller auf veränderte Umstände reagieren.

Welchen Impact sehen Sie im autonomen Fahren?

Das wird ein zentraler Bestandteil von 4.0 sein. Der Fahrer fungiert dann als Frachtbegleiter, verfügt über ganz andere Kompetenzen, er hätte einen familienfreundlicheren Job. Man könnte ähnlich wie bei der Bahn die Zuggleiter nach 400 Kilometern wechseln und mit dem anderen Fahrzeug wieder zurück fahren. Dynamische Pools von Fahrern würden entstehen. Die Fahrzeuge könnten einem Dritten gehören. Die gesamte Route wird ständig anhand bestimmter Parameter von einem Metasystem überwacht. In dieses System könnten sich ganz neue Marktplayer einklinken. Dann hätten wir so etwas wie die Uberisierung der Fracht. Das ist allerdings eher für Pakete und Stückgut denkbar, nicht so sehr für große Mengen und weite Entfernungen. Das wäre so eine Art Mitfahrzentrale. Die Plattform colo21 geht in so eine Richtung.

Was raten Sie mittelständischen Spediteuren angesichts dieser Herausforderungen?

Sie sollten ihre Denkweise ändern, falls nicht schon geschehen. Weg von der Hardware, dem klassischen Lkw, hin zur Prozessdenke und IT. Der Aufbau eigener Kompetenzen ist entscheidend. Die Verlader in Industrie und Handel sind weiter, sie verlangen zunehmend das Einklinken in größere Systeme und Netzwerke mithilfe von IT-Lösungen. Wer diesen Anforderungen nicht entspricht, der wird von anderen überholt, vielleicht von ganz neuen Playern. Aber auch für die großen Netzwerke gilt: Es fehlt der nächste Schritt, das disruptive Element und die Größe macht Veränderung schwierig.

Wie sieht die internationale Perspektive aus – wer ist Vorreiter, wer eher Nachzügler in puncto Logistik 4.0?

Definitiv sind die USA weiter was die Innovationen, die IT-Unterstützung und die Harmonisierung der Prozesse und Systeme anbelangt. Die Voraussetzungen für Logistik dort sind auch andere als etwa in Europa aufgrund der großen Fläche sind andere Skaleneffekte erzielbar.

In Europa gibt es ein Nord-Süd-Gefälle. Die nordischen Länder sind weiter als etwa Spanien, Italien etc. Benelux und Deutschland sind vergleichsweise ganz gut entwickelt. In Asien ist vor allem das B-to-C-Geschäft sehr gut entwickelt. Teilweise wird dort bereits 80% des Handels online abgewickelt. Im Teil- und Komplettladungsbereich dagegen ist dort das Interesse an Effizienzsteigerungen noch relativ gering, die Arbeitskosten sind niedrig.

Wie geht Transporeon mit den Unwägbarkeiten der Entwicklung um?

Wie eben erwähnt haben wir derzeit eine sehr gute Ausgangsposition. Unsere Lösungen setzen bei den wirklichen „pain points“ an, also dort, wo Rationalisierungs- und Einspareffekte etwa durch Zeitfenstermanagement, bessere Auslastung der Flotte etc. zu erzielen sind. Doch für die weiteren Innovationen stehen wir im Dialog mit unseren Kunden, sowohl Verladern als auch Spediteuren.

Mit der RWTH Aachen, nämlich dem Lehrstuhl für Informationsmanagement im Maschinenbau unter der Leitung von Prof. Dr. rer.nat. Sabina Jeschke, haben wir ein langfristiges Projekt gestartet, um gemeinsam die nächsten Schritte zu analysieren. Methodisch liegen der wissenschaftlichen Arbeit Experteninterviews und kontrastierende Big-Data-Verfahren zu Grunde. In den kommenden Monaten entsteht so eine umfassende „Transportlogistik 4.0"-Studie, die wir im Sommer 2016 veröffentlichen werden. Damit sind wir in der Lage, die Werkzeuge zu entwickeln, die die Logistiker benötigen, um den Anschluss an Industrie 4.0 zu halten.