In der Transportlogistik ist Zusammenarbeit essentiell

freeway and city at night

Prof. Dr. Christian Kille ist Professor für Handelslogistik an der Hochschule für angewandte Wissenschaften Würzburg-Schweinfurt, Marktanalyst der Bundesvereinigung Logistik (BVL) e.V. und Mitinitiator der „Logistikweisen“. Im Interview spricht er über die Auswirkungen von Industrie 4.0 auf die Transportlogistik.

Herr Prof. Kille, Sie sehen die Transportlogistik vor umwälzenden Veränderungen. Welches sind die Treiber für diese Entwicklung?

Der wesentlichste Treiber ist die Digitalisierung. Es entstehen durch die zunehmende Leistungsfähigkeit von Computern und Netzwerken neue Formen der Kollaboration und Produktion. Cloud-Services, Automatisierung, Künstliche Intelligenz und andere Treiber verändern die Industrie und in der Folge auch die Logistik und Transportlogistik. Daraus resultieren eine Neuorganisation gewohnter Abläufe, neue Rollen und Geschäftsmodelle.

Sie sind Mitinitiator der „Logistikweisen“, einem losen Zusammenschluss von Logistikexperten, die u.a. die Bundesregierung mit Prognosen beraten. Auf ihrem letzten Gipfel haben Sie weitere Treiber identifiziert. Welche Rolle spielen die für den Straßengüterverkehr?

Im Kontext der Digitalisierung sind Veränderungen vor allem darin zu sehen, dass – wie eben erwähnt – neue Geschäftsmodelle entstehen können, etwa durch Sharing-Economy-Praxis oder ganz neue Dienstleistungen mit Playern, die als Quereinsteiger Funktionen übernehmen. Das sehen wir heute bereits in zahlreichen neuen Start-ups etwa im Bereich der Frachtenbörsen.

Als weiteren Treiber haben wir die Personalstrategie vor allem zur Rekrutierung und Ausbildung von IT-Spezialisten und Business Development-Kräften identifiziert. Aber auch die Krisenherde dieser Welt, der Terrorismus können etwa zu einer Eindämmung der globalen Lieferketten führen. Schließlich werden wir in gewisser Weise eine Abkehr von der Globalisierung bzw. einen Trend zur Regionalisierung sehen. Dies wird zum Einen politisch motiviert geschehen – wie etwa im Fall des Brexit oder der „America first-Strategie“ des neuen US-Präsidenten – zum Anderen befördert durch neue Techniken wie den 3D-Druck.

Was raten Sie angesichts dieser Trends nun Verladern und Spediteuren hinsichtlich der Transportlogistik 4.0?

Hier muss man sicherlich unterscheiden. Produzierende Unternehmen in Deutschland sind mit Blick auf Industrie 4.0 gut gerüstet, das zeigen aktuelle Erhebungen etwa von Roland Berger. Sie gehören im internationalen Vergleich zu den Vorreitern und werden von resultierenden Rationalisierungspotenzialen profitieren. Das erstreckt sich auch auf die Logistik und die Transportlogistik dieser Unternehmen. Wobei es in diesem Bereich sicher ein großes Potenzial zu erschließen gilt. Generell rechne ich damit, dass sich die Ansätze, die wir aus der Produktion bereits kennen, wie etwa Kanban, Vendor Management Inventory oder Collaborative Planning in die Logistik hinein erstrecken werden.

Aber auch die Verlader und natürlich der Handel sind vom wachsenden E-Commerce und Multi-Channel-Handel betroffen?

In der Tat! Der zunehmende B2C- und Multi-Channel-Handel stellt für alle eine große Herausforderung dar: Die Sendungen werden kleiner, die Lieferungen erfolgen in höherer Frequenz, die Supply-Chain-Prozesse erfordern mehr Präzision und die Bedeutung einer reibungslosen Logistik steigt. Damit wachsen auch die Ausgaben für diesen Bereich. Das sieht man am Beispiel von Amazon, deren Logistikkosten sich von sechs Jahren von rund einer Milliarde US-Dollar in 2010 auf rund 1,8 Milliarden US-Dollar beinahe verdoppelt haben.

Was raten Sie nun Speditionen, um sich für die Zukunft zu rüsten?

Wir gehen davon aus, dass im Zuge der weiteren Digitalisierung ganz neue Netzstrukturen etwa für die Produktionsversorgung oder die Innenstadtbelieferung entstehen. Man muss sich diese Netzwerke als atmende, intelligente Systeme denken, deren Einheiten in Echtzeit miteinander kommunizieren und so jederzeit an den Bedarf angepasst werden können. Die Prozesse werden also über die einzelnen Akteure bis ins Fahrzeug oder Lastenfahrrad hinein, eng verzahnt und vernetzt. Die Zusammenarbeit über alle Grenzen hinweg wird dafür essentiell. Dafür sollten sich Speditionen rüsten und zwar einerseits technisch, andererseits aber auch vom Denken her. Sie müssen Kundenbedürfnisse antizipieren und von diesem Ende her ihre Services konzipieren. Wenn es die Speditionen nicht tun, werden es andere tun. Amazon geht in diese Richtung, aber auch zahllose Start-ups machen sich auf den Weg, die eine oder andere Nische zu besetzen.