Disruption bei der Handelsanlieferung durch Logistik 4.0?

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Die Digitalisierung und ihre Konsequenzen für Handels- und FMCG-Unternehmen

Digitalisierung, Predictive Analaytics, Big Data. Begriffe, die auch aus den Logistik-Abteilungen von Industrie- und Handelsunternehmen nicht mehr wegzudenken sind. Logistik 4.0 ist daher das übergeordnete Schlüsselwort, mit dem sich Unternehmen aller Branchen intensiv auseinandersetzen müssen. Die Studie Alles 4.0 oder doch nur Hype? Schlüsseltrends der Transport Logistik von der RWTH Aachen in Zusammenarbeit mit der Transporeon Group, dokumentiert den Fortschritt der Unternehmen auf dem Gebiet der Digitalisierung und zeigt, wo es Nachholbedarf gibt. Wir greifen uns zwei Branchen heraus, die untrennbar miteinander verknüpft sind und sprechen mit Reinhard Vogler (Key Account Manager, Transporeon Group) über den aktuellen Digitalisierungsgrad bei der Handelsanlieferung.

Q: Herr Vogler, was sind aktuell die größten Herausforderungen entlang der Supply Chain bei der Handelsanlieferung?

Reinhard Vogler: Das hängt ganz von der Rolle der Beteiligten ab. Prinzipiell leiden alle, die an der Belieferung des Handels beteiligt sind unter einem lückenhaften Kommunikationsprozess. Da ist zum einen das Handelsunternehmen selbst, das oft nicht nachvollziehen kann, wann die bestellte Ware am Lager eintrifft und welche Spedition anliefert. Nur 12 Prozent der befragten Handelsunternehmen kennen die geplante Ankunftszeit aller eintreffenden LKW am Lager. Hier sprechen wir nicht von Echtzeitinformationen, diese kennen nur 5,5 Prozent der befragten Händler.(1) Der Lieferant wiederum trägt in seiner Funktion als Dienstleister für den Handel und Auftraggeber der Spedition die Verantwortung, dass die Ware in-time eintrifft. Das ist gerade in der Lebensmittelbranche bei der Anlieferung von Fresh Food keine leichte Aufgabe. Und viele Spediteure haben noch immer mit langen Wartezeiten bei der Anlieferung zu kämpfen.

Q: Wie sehen digitale Lösungsansätze für diese Wissenslücken aus?

Reinhard Vogler: Zwei Key-Features, die eine weitgehend reibungslose Kommunikation im Rahmen der Handelsanlieferungen ermöglichen, sind Zeitfenster-Management-Systeme und Sendungsverfolgung. Mit der Mercareon Plattform gibt es bereits eine Zeitfenster-Lösung speziell für die Handelsanlieferung. Dieses System ermöglicht Transparenz und Planbarkeit im Wareneingang. Das Handelsunternehmen kann sich auf die eintreffenden LKW am Wareneingang einstellen, die Rampen koordinieren und das benötigte Personal effizienter einsetzen.

Der Spediteur hingegen weiß, wann er vor Ort sein muss, vermeidet lange Wartezeiten und kann die gewonnene Zeit für die Abwicklung neuer Transportaufträge nutzen. Gleiches gilt für die Warenabholung beim Lieferanten. Auch diese lässt sich durch das Transporeon-Zeitfenster-Management für die Unternehmen effizienter steuern. In Zeiten, in denen Spediteure mit fehlendem Personal kämpfen, sind knapper Laderäume sind gerade Standzeiten zusätzliche Ineffizienzen, die es zu reduzieren gilt.

Q: Das System der Sendungsverfolgung kennt man aus dem privaten Leben bei der Bestellung über Online-Shops. Wie funktioniert das Feature bei der Handelsanlieferung?

Reinhard Vogler: Das Prinzip ist das gleiche und wird für FMCG-Unternehmen immer unverzichtbarer, Stichwort Kundenservice. Durch die Sendungsverfolgung mit Echtzeit-Tracking weiß der Lieferant zu jeder Zeit, wo sich sein LKW auf dem Weg zum Handelslager befindet und kann bei Verspätungen entsprechend reagieren. Und wenn es nur der Griff zum Telefon ist, um seinen Kunden – das Handelsunternehmen - über die Verspätung zu informieren.

Q: Transparenz durch Sendungsverfolgung ist ein Ansatz. Lassen sich die Daten auch für weitere Analysen nutzen?

Reinhard Vogler: Exakt. Zahlen zu Ankunfts- und Abfahrtszeit sowie zur Ver- und Entladedauer werden ins Transporeon-, bzw. Mercareon System übertragen und auf Wunsch den beteiligten Parteien zugänglich gemacht. Transparenz und eine einheitliche Datenbasis für alle Parteien erlaubt eine Diskussion über Qualität auf Augenhöhe. Der Handel hat die Geschehnisse im Wareneingang im Griff, Lieferanten haben die Daten, die sie benötigen, um den Kundenservice zu verbessern und die Performance ihrer Transportdienstleister im Auge zu behalten. Auch Speditionen profitieren von den Daten. Sie erhalten wertvolle Kennzahlen und Erkenntnisse über die Einhaltung von Terminen einzelner Fahrzeuge oder externer Fuhrparks.

Q: Aktuell geht es viel um die Begriffe Big Data und Predictive Analytics. Wie sieht Ihrer Meinung nach die „digitale“ Supply Chain im Jahr 2020 aus? Wird es disruptive Innovationen bei der Handelsanlieferung geben?

Reinhard Vogler: Im Prinzip wird der Ablauf entlang der Wertschöpfungskette auch in den nächsten Jahren ein ähnlicher sein wie heute. Aber die Digitalisierung wird weiter fortschreiten und wenn die Unternehmen sich darauf einlassen, allen Beteiligten große Vorteile bringen. Transporeon arbeitet bereits an kundenindividuellen Lösungspaketen, die verschiedenste Produkte von indexbasierten Preisinformationen, über Vorhersagemodelle bis hin zum individuellen Benchmark.

Reinhard Vogler: Zwei konkrete Beispiele: Ein Produkt, das gerade in der Mache ist, betrifft die Berechnung eines idealen Zeitfensters bei der Handelsanlieferung.  Auf Basis der ungefähren Transportzeit vom Lieferanten zum Handelsunternehmen soll im System ein passendes Zeitfenster für die Ankunft beim entsprechenden Handelsunternehmen kalkuliert und zur Buchung vorgeschlagen werden. Das ist eines der aktuellen Hot Topics, an dem unsere Entwicklung mit Hochdruck arbeitet.

Unser neuestes Pilot-Projekt im Bereich Big Data und bereits für ausgewählte Transporeon-Kunden verfügbar, ist der so genannte Connecting Load Agent. Hierbei prüft das System anhand verschiedenster Algorithmen, welche Speditionen am Verladetag freie Kapazitäten für gefragte Relationen anbieten. Der Verlader kann die verfügbaren Spediteure einladen, ein Gebot abzugeben. In Zeiten schwankender Kapazitäten eine Win-Win-Situation für alle – Verlader wie Spediteure. Denn Verlader finden freie und günstigere Kapazitäten und Spediteure können gegebenenfalls Leerkilometer reduzieren.

Q: Wie weit ist das Thema Big Data bereits in den Unternehmen verankert?

Reinhard Vogler: Laut Studie Alles 4.0 oder doch nur Hype?gibt es sowohl in Handel als auch FMCG noch erheblichen Nachholbedarf. Nur 41 Prozent der Handelsunternehmen beziehen vorhandene Daten für ihre zukünftige Planung mit ein. In der FMCG-Branche sind es mit 47 Prozent nur unverhältnismäßig mehr. Hier gilt es bei allen Parteien anzusetzen, um Wissenslücken zu schließen und die Handelsanlieferung noch effizienter zu gestalten.

(1) Alles 4.0 oder doch nur Hype? Schlüsseltrends der Transport Logistik (RWTH Aachen in Zusammenarbeit mit Transporeon)

Über Reinhard Vogler

Reinhard Vogler ist zum 01. März 2018 bei TRANSPOREON als „Key Account Manager“ in der Region Central gestartet.  Zuvor war er mehrere Jahre in der Speditionsbranche und in unterschiedlichen Positionen deutschlandweit tätig. Im Rahmen eines duales Studiums (Berufsakademie Mannheim) hat er elementare Einblicke in das Speditionsgeschäft gewonnen und war hier auch operativ u.a. als Disponent tätig. Der Schwerpunkt der letzten Jahre lag in der vertrieblichen Ausrichtung als Tender / Key Account Manager bzw. zuletzt als Vertriebsleiter bei einer namenhaften Netzwerkspedition.  Durch den frühen Tätigkeitsschwerpunkt im Bereich der Handelskunden liegt auch heute das Themengebiet Handel und FMCG im Fokus bei TRANSPOREON.