Digitale Transportlogistik als Antwort auf Kapazitätsengpässe (Teil 2)

Multi-lane highway at sunset

„Digitale Transportlogistiklösungen sind eine effiziente Antwort auf Engpässe bei Transportkapazitäten infolge des Fahrermangels“

Vielen verladenden Unternehmen fällt es zunehmend schwer, sich Transportkapazitäten zu wettbewerbsfähigen Preisen zu sichern. Seit Februar 2017 schwankt die verfügbare Transportkapazität in Europa um ein historisch niedriges Niveau (Quelle: Transporeon: Transport Market Monitor). Immer mehr Verlader bekommen das auch zu spüren. Viele Spediteure lehnen in Monaten, in denen traditionell wenig freier Frachtraum verfügbar ist, bereits regelmäßig die Übernahme von Transportaufträgen ab. Gleichzeitig sind die Transportpreise im Vergleich zu 2017 deutlich gestiegen. Beides sind Belege dafür, dass Kapazitätsengpässe kein zyklisches Phänomen mehr darstellen, sondern – trotz saisonaler Schwankungen – die neue Normalität kennzeichnen. Verladende Unternehmen sollten daher umgehend die konsequente Digitalisierung ihrer Transportlogistik in Angriff nehmen, rät Jan Rzehak, Director Business Consulting bei der Transporeon Group. Im Interview spricht der Experte über die Gründe für seine Einschätzung und nennt sinnvolle Strategien, um angemessen auf die neue Marktsituation zu reagieren.

Herr Rzehak, waren Kapazitätsengpässe in diesem Ausmaß vorhersehbar?

Die meisten Verlader haben zwar die Veränderungen bei den Frachtraten und der Verfügbarkeit von Lkw erkannt, aber zunächst abgewartet, wie sich die Situation entwickelt. Und selbst wenn sie frühzeitig zur Erkenntnis gekommen sind, dass ein anhaltender Kapazitätsengpass vorliegt, wussten viele nicht, wie sie hierauf reagieren können.

Wann haben Sie bemerkt, dass sich die Situation nachhaltig geändert hat?

Wir veröffentlichen vierteljährlich gemeinsam mit Capgemini den Transport Market Monitor. Die Publikation informiert seit 2008 vierteljährlich über die Entwicklung der Transportkapazitäten und -preise in Europa. Die Entwicklung wies seit Februar 2017 auf extrem niedrige Kapazitäts- und extrem hohe Preisindizes hin. Im September 2017 war die insgesamt verfügbare Kapazität dann um 22 % geringer als im gleichen Monat des Vorjahres. Parallel waren die Frachtraten um 9 % gestiegen. Diese Situation am Ende des 3. Quartals 2017 war für uns verglichen mit den Vorjahren ein eindeutiger Wendepunkt: Verlader müssen längerfristig mit einer Verknappung der verfügbaren Kapazitäten rechnen. Kapazitätsengpässe sind also kein vorübergehendes Phänomen mehr, sondern die neue Normalität.

Wie lassen sich die anhaltenden Kapazitätsengpässe erklären?

Die Weltwirtschaft florierte in den letzten Jahren. Die deutsche Wirtschaft ist gemessen am Bruttoinlandsprodukt 2017 zum achten Mal in Folge gewachsen. Das kurbelt das Geschäft an, bringt aber auch ernste Probleme für Verlader mit sich. Da die Transportkapazitäten deutlich langsamer gewachsen sind, als die Wirtschaft, wurden die Transporte teurer. Auch die Zunahme des E-Commerce hat zu diesem Ungleichgewicht beigetragen.

Wie wird sich die Lage weiter verschärfen?

Protektionistische Tendenzen sind zwar nicht zu leugnen. Sie beschränken sich aber auf einzelne Industrien und nicht nur die Auftragsbücher der deutschen Exportwirtschaft sind voll, weshalb das überdurchschnittliche Wachstum weiter anhalten dürfte. Wir befürchten daher, dass sich die Kapazitätsengpässe im Verlauf des Jahres zu einer echten Kapazitätskrise ausweiten könnten. In Mitteleuropa, vor allen im deutschen Markt, sind schon seit längerem zu wenige Lkw verfügbar. Viele osteuropäische Spediteure, die früher in Zentraleuropa im Einsatz waren, bewerben sich um Aufträge in ihrer Region oder auf den profitablen internationalen Routen durch Russland. Und immer mehr Fahrer aus Osteuropa nehmen in ihrer Heimat eine besser bezahlte Fabrikarbeit an. Auch die zunehmende Regulierung des Transportmarktes wirkt sich negativ aus.

Wie können sich Verlader Transporte da noch zu bezahlbaren Frachtraten sichern?

Hersteller, Zulieferer und Händler konkurrieren bereits heute um gute Logistik- und Transportdienstleister. Wer sich ausreichend Transportkapazitäten und vernünftige Frachtraten sichern will, muss die Zusammenarbeit attraktiv gestalten, beispielsweise durch nahtlose digitale Prozesse, die es den Frachtführern ermöglichen, ihre Kosteneffizienz zu steigern und Zeit zu sparen – an der Rampe und bei Arbeitsabläufen.

Eine effiziente Möglichkeit, zeitaufwändige, manuelle Arbeitsprozesse durch schnelle, einfache Arbeitsabläufe zu ersetzen, ist die Implementierung eines digitalen Zeitfenstermanagements. Es ermöglicht den Spediteuren, Zeitfenster selbst zu buchen – entsprechend ihrer Kapazitäten und Ressourcen. Das unterstützt sie bei der optimalen Routenplanung, verkürzt die Wartezeiten an der Rampe, verbessert die Fahrzeugauslastung und vermindert Leerfahrten. Effizientere Abläufe und weniger Verwaltungsaufwand senken die Kosten auf Seiten der Speditionen und ermöglicht ihnen, Transporte mittelfristig zu günstigeren Frachtraten an die Kunden weiterzugeben. Die Voraussetzung hierfür ist eine digitale Lösung, die es den Spediteuren erlaubt, sich vollständig in die IT-Landschaft ihrer Kunden zu integrieren.

Was gibt es bei der Einführung eines digitalen Zeitfenstermanagements noch zu beachten?

Die Verlader müssen natürlich ausreichend Zeitfenster zur Verfügung zu stellen und beim Be- und Entladen der Lkw auf die Einhaltung der vereinbarten Reihenfolge achten. Die zügige Abwicklung muss gewährleistet sein. Daher gilt es vorab zu prüfen, wie viele Zeitfenster pro Tag und Rampe überhaupt bedient werden können – unter Berücksichtigung der Ressourcen an Personal und benötigtem Equipment. Auch sollten die verladenden Unternehmen nicht alle Zeitfenster zur Buchung freigeben, sondern für mehr Flexibilität einen Puffer für unvorhergesehene Ereignisse einplanen, wie verspätete LKW oder ungeplant eintreffende Selbstabholer.

Neben der Buchung von Zeitfenstern bieten einige Systeme hier aber bereits nützliche Zusatzfunktionen, mit denen sich Qualität und Effizienz weiter steigern lassen. Dazu zählen Informationsübermittlung an und von den Frachtführern, Checklisten zur Ladungssicherung oder die Zuweisung einer freien Rampe per SMS an die Fahrer. Die Transporeon-Plattform bietet mit Mobile Order Management (MOM) darüber hinaus Echtzeit-Tracking. Bei dieser Lösung wird die voraussichtliche Ankunftszeit über ETA berechnet und umgehend an das System übermittelt. Verlader werden bei Abweichungen von dem ursprünglich vereinbarten Zeitfenster automatisiert informiert – und können frühzeitig umdisponieren.

Wie funktioniert beispielsweise das Zeitfenstermanagement von Transporeon?

Die Spediteure gehen einfach online und können direkt alle verfügbaren Zeitfenster einsehen. Hierdurch entfallen zeitraubende E-Mails und Telefonate. Die Spediteure haben zudem einen sofortigen Überblick über alle relevanten Informationen und Aktualisierungen – und können in Echtzeit auf kurzfristige Auftragsänderungen reagieren

Wie wirkt sich digitales Zeitfenstermanagement auf den Beruf des Lkw-Fahrers aus?

Aufgrund sicher gebuchter Zeitfenster verteilen sich die Lkw bei Be- und Entladung gleichmäßiger über den Tag. Für die Fahrer fallen weniger Wartezeiten an der Rampe an. Sie vergeuden weniger wertvolle Fahrtzeit im Stop-and-Go auf Werksgeländen, und sie müssen ihre Pausen nicht langen Standzeiten in der Warteschlange opfern. Aber ganz unabhängig von der einzelnen Spedition: In Zeiten, in denen Kapazitätsengpässe die neue Normalität sind, macht es auch volkswirtschaftlich keinen Sinn, dass Lkw-Fahrer ihren Arbeitstag damit vergeuden, untätig herumstehen – anstatt zusätzliche Transporte verlässlich und pünktlich ans Ziel zu bringen.

Welche weiteren Vorteile bietet die Zusammenarbeit von Unternehmen und Spediteuren in onlinebasierten Netzwerken?

Über die Transporeon-Plattform sind Verlader beispielsweise mit mehr als 65.000 Frachtführern vernetzt. Dort können sie auch die Transportvergabe digital abwickeln. Unsere Kunden können sich über die Transporeon-Plattform mit ausgewählten Spediteuren vernetzen und dabei aus aus einem Pool mit mehr als 65.000 Frachtführern die passenden Partner suchen. Sie arbeiten mit einem bevorzugten Pool an Spediteuren zusammen. Über die Online-Ausschreibung von Transportaufträgen können sie die verfügbaren Kapazitäten optimal ausnutzen – und sichern sich gleichzeitig günstigere Frachtraten. Das verschafft in Zeiten von Kapazitätsengpässen einen guten Überblick über noch verfügbare Kapazitäten. Diese werden zudem optimal ausgenutzt, was die Kapazitätsengpässe am Markt insgesamt entschärft und unseren Kunden günstigere Frachtraten eröffnet.

Werden die fortschreitende Digitalisierung und der Rückgang der verfügbaren Kapazitäten die Realitäten in der Transportlogistik an sich verändern?

Während Hersteller, Zulieferer und Einzelhändler heute noch in einem direkten Wettbewerb stehen, wird sie der Kapazitätsmangel dazu bringen, auch mit Mitbewerbern zusammenzuarbeiten. Der Fachbegriff hierfür ist ‚Co-opetition‘: Wenn ein Unternehmen die Transportkapazität seines Spediteurs auf einer bestimmten Route nicht auslastet, warum gibt er die überflüssige Kapazität dann nicht einem Konkurrenten. Im Gegenzug nutzt er freien Frachtraum in Lkws, die für den Wettbewerber unterwegs sind. Die Zusammenarbeit von eigentlichen Wettbewerbern senkt für alle Beteiligten die Frachtkosten, erhöht die im Markt verfügbare Kapazität und reduziert volkswirtschaftlich kontraproduktive Leerfahrten. Technologisch geht das über eine sogenannte ‚Collaboration Plattform‘. Je mehr Verlader und Spediteure hier zusammenarbeiten, desto größer sind die Einsparpotenziale und die erzielbare Reduktion an Leerkilometern.

Wird die Zukunft weitere Neuerungen bringen?

Eine weitere entscheidende Veränderung, die sich abzeichnet, ist die bessere Datennutzung. So liefern Plattformen wie Transporeon wertvolle Daten zur Marktdynamik. Hieraus lassen sich aussagekräftige Erkenntnisse über Markttrends gewinnen – und Preise und Kapazitäten für die Zukunft prognostizieren. Im Idealfall können Verlader und Spediteure in Zukunft die Nachfrage und die Kapazität in Echtzeit so gut aufeinander abstimmen, dass Leerkilometer der Vergangenheit angehören. Kapazitätsengpässe sind zwar die neue Normalität. Aber mit dem Einzug von Big Data und Predictive Analytics in transportlogistische Prozesse werden die Güter und Waren auch in Zukunft verlässlich von A nach B transportiert werden.

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