Ausschreiben in preisvolatilen Zeiten

Outdoor freight container transshipment point

Der globale Transportmarkt war 2017, bis weit hinein ins Jahr 2018 gekennzeichnet durch außergewöhnlich geringe Kapazität und steigende Transportpreise. Wirtschaftlich bedingte Erholungsphasen, wie wir sie aus den nachfrageärmeren Wintermonaten oder den Sommerferien kennen, wurden ebenfalls kürzer. Auch wenn es seit Ende 2018 wieder nach einer Entspannung bei den Transportkapazitäten aussieht, stehen Verlader weiter vor großen Herausforderungen. Auch nach wie vor werden zusätzliche Transportunternehmen benötigt, dennoch zögern einige Unternehmen, aufgrund steigender Preise ihre Transporte auszuschreiben. Doch ist das die richtige Strategie? Wir sprachen dazu mit Martin Beyrer, Director Business Development bei der TICONTRACT GmbH und Christian Dolderer, Manager Market Intelligence Initiative Road & Rail bei der TIM CONSULT GmbH.

Herr Beyrer, wir hören vermehrt aus dem Markt, dass momentan nicht der richtige Zeitpunkt ist, um Transporte auszuschreiben. Haben Sie ähnliche Erfahrungen?

Martin Beyrer: Die Entwicklungen auf der TICONTRACT-Plattform zeichnen ein anderes Bild. In 2018 haben Unternehmen bislang 26 Prozent mehr Frachtausschreibungen via TICONTRACT getätigt, als im selben Zeitraum des Vorjahres. Das zeigt, wie hoch unsere Kunden die Notwendigkeit auszuschreiben sehen und wie groß der Bedarf nach Transportkapazitäten derzeit ist. Zudem ist nicht nur die Anzahl der Frachtausschreibungen auf der TICONTRACT Plattform gestiegen, sondern auch das allokierte Frachtvolumen an die Dienstleister ist um 15% gewachsen. Darüber hinaus nehmen wir sehr deutlich wahr, dass auch die Dienstleister proaktiv auf der Suche nach neuen Aufträgen sind um ihre Transportnetzwerke noch weiter zu optimieren.

Herr Dolderer, wie sehen Sie das mit Ihren Erfahrungen aus den Market Intelligence Initiativen, kurz MIIs¹? Können Sie die Aussage von Herrn Beyrer bestätigen?

Christian Dolderer: Unserer Erfahrung nach, schreiben Verlader das ganze Jahr aus, wobei es aufgrund der Vertragslaufzeiten Phasen mit erhöhtem Ausschreibungsaufkommen gibt. Wir beobachten immer wieder, dass Verlader, die in den vergangenen Jahren nicht strukturiert ausgeschrieben haben, Rateneinbußen in Kauf nehmen müssen. Von einem pauschalen Verlängern der bestehenden Verträge raten wir ab, da ein gut strukturierter und vorbereiteter Tender in jedem Fall unnötige Kosten vermeiden kann.

Es ist eine Tatsache, dass der globale Transportmarkt mit Kapazitätsschwankungen zu kämpfen hat. 2017 und 2018 kam es zu immensen Kapazitätsengpässen. Aktuell scheinen die Kapazitäten zwar wieder zu steigen, aber der Markt ist beeinflusst von wirtschaftlichen Unsicherheiten und einem bis dato ungekannten Fahrermangel. Führt das nicht automatisch zu Preissteigerungen?

Martin Beyrer: Eine Umfrage der Transporeon Group unter mehr als 1.000 Spediteuren aus ganz Europa bestätigt, dass die Mehrheit der Transportdienstleister mit einer angespannt bleibenden Marktsituation rechnet. Dies spiegelt sich natürlich in den Preisen wider. 62 Prozent der Spediteure rechnen mit einer Preisanhebung um 1-5 Prozent, weit weniger – 9 Prozent – gehen davon aus, dass die Transportpreise um mehr als 5 Prozent steigen.2 Das hängt mit mehreren Faktoren zusammen. Eine gewichtige Rolle spielt natürlich der Fahrermangel, den man nicht von heute auf morgen lösen kann. Aber auch die gute wirtschaftliche Gesamtsituation 2017 und 2018 mit erhöhtem Transportaufkommen in Europa wirkt sich noch immer auf die Kapazitäten und somit die Preise aus. Hinzu kommen weitere fiskale Einflussfaktoren wie steigende Lohnkosten, Maut oder steigende Dieselkosten, die zwangsläufig zu weiteren Preissteigerungen führen werden .

Christian Dolderer: Es stimmt schon, dass die Preise steigen, allerdings muss man diese Preissteigerungen auf einzelne Mikromärkte gesondert betrachten.  Auf vielen Transportrouten wird es definitiv steigende Transportpreise geben. Andere wiederum sind nicht oder deutlich weniger ausgeprägt von Preiserhöhungen betroffen. Verlader benötigen daher klare Informationen und Transparenz darüber, welche Transportrelationen sie ausschreiben sollten. Unsere Market Intelligence Initiativen (MII) liefern hier verlässliche Antworten.

Bedeutet das also, dass Sie Ihren Kunden empfehlen, eher punktuell auszuschreiben?

Christian Dolderer: Punktuell würde ich nicht sagen. Wir empfehlen in jedem Fall eine ganzheitliche, der Situation angepasste Betrachtung. Pauschalempfehlungen geben wir ungern, sondern beraten jeden Verlader mit seinen Anforderungen und Herausforderungen individuell. Die Ergebnisse aus den MII-Benchmarks sind in jedem Fall eine optimale Basis für die Entscheidung für oder gegen eine Ausschreibung. Sie sind außerdem extrem hilfreich für die Preisverhandlungen mit Dienstleistern, weil unsere Community Mitglieder intensiven und konstanten Einblick in das Marktgeschehen haben. Sie wissen außerdem, welche Faktoren zu den Preisentwicklungen führen.

Herr Beyrer, um nochmal auf die Carrier-Umfrage zurückzukommen – welche Maßnahmen ergriffen Spediteure 2018, um die Kapazitätskrise in den Griff zu bekommen?

Martin Beyrer: Soweit das trotz des Fahrermangels möglich ist, plant mehr als die Hälfte der befragten Transporteure ihre LKW-Kapazitäten zu vergrößern. 71% der Unternehmen wollen dies durch den Kauf oder die Anmietung zusätzlicher Fahrzeuge und die Einstellung von Fahrern bewerkstelligen. 55% gaben außerdem an, die eigene Flotte durch weitere Subunternehmer zu vergrößern. Zudem geht die Mehrheit der Spediteure davon aus, dass Digitalisierung ihnen hilft, die eigene Unternehmenssituation zu verbessern. Das bezieht auch die Nutzung von digitalen Logistiklösung wie e-sourcing tools oder elektronische Auftragsvergabe mit ein. Für die Verlader sollte dies ein Signal ein. Automatisierte Prozesse beschleunigen Auftragsannahme und -abwicklung und ermöglichen somit Zeitersparnis und neue Kapazitäten. Zudem können hohe und unnötige Mehrkosten durch e-sourcing vermieden werden. Ein Beispiel: Die Preise auf dem Markt steigen durchschnittlich um 8%. Durch die Ausschreibung verhandeln Sie mit Ihren Dienstleistern eine Preisanpassung von nur 5%. Somit erzielen Sie trotz der Anpassung im Markt immer noch Einsparungen oder nennen wir es „cost avoidance“ von 3%. Unsere Empfehlung ist daher: Verlader sollten auf den digitalen Zug aufspringen.

Herr Dolderer, wie reagieren die Mitglieder Ihrer MIIs auf die Kapazitätskrise der vergangenen beiden Jahre?

Christian Dolderer: Die Reaktionen sind divers und können äußerst vielseitig gestaltet sein, beobachten lassen sich aber vermehrt Ausschreibungen mit kapazitätssichernden Elementen. In den MII’s werden genau diese Elemente in einem compliance-wahrenden Rahmen rege diskutiert. Aber auch auf der Verlader-Seite reichen die Kapazitäten in den Einkaufs- oder Logistikabteilungen oftmals nicht aus. Hier können schlanke und beidseitig zeitoptimierende digitale Prozesse das Personal beim Ausschreiben und Bieten unterstützen.

Welche Möglichkeiten haben Kunden bei TICONTRACT, um ausreichend vergleichbare Angebote für ihre Transportausschreibung zu erhalten?

Martin Beyrer: TICONTRACT bietet auf seiner Plattform intelligente und transparente Ausschreibungsprozesse. Verlader haben die Möglichkeit aus über 35.000 Dienstleisterprofilen geeignete Spediteure für ihre Transporte und Transportrouten zu finden. Optional kann die Suche durch eine Vorqualifikation über den so genannten Request for Information (RFI) optimiert werden. Nach Abschluss der Angebotsphase wird eine Analyse mit kombinatorischen Szenarien und umfangreichen Reports erstellt. Diese werden in der Regel als Grundlage bei direkten Verhandlungen zwischen Verladern und Spediteuren verwendet.

Herr Dolderer, gibt es aus Ihrer Sicht überhaupt den richtigen oder perfekten Zeitpunkt um auszuschreiben?

Christian Dolderer: Nein, den richtigen oder perfekten Zeitpunkt gibt es nicht. Üblicherweise wird im vierten Quartal ausgeschrieben. Den Spediteuren kommt dies entgegen, weil sie so ihre Kapazitäten und Planungen für das Folgejahr bestmöglich realisieren können. Allerdings sind in dieser Zeit die Tenderteams der Spediteure so stark beschäftigt, dass sie priorisieren müssen und nicht für alles anbieten können. Wir empfehlen unseren Kunden eine kontinuierliche Marktbeobachtung, die Einschätzung des eigenen Preisniveaus und bedarfsangepasste und gut strukturierte Ausschreibungen.  Dies bringt unserer Erfahrung nach langfristig die besten Ergebnisse.

Herr Dolderer, Herr Beyrer, wir danken für das Gespräch.

Über TICONTRACT und TIMConsult

Die TICONTRACT GmbH ist eines der führenden Unternehmen für globale Ausschreibungen und gehört zur Transporeon Group. TICONTRACT ist für Logistik-Entscheider ein strategisches Werkzeug für den Einkauf von Transportdienstleistungen und unterstützt Unternehmen bei der Prozessoptimierung im Bereich Frachtkosten-Management.

Die internationale Business Logistics Beratung – TIM CONSULT – entwickelt seit mehr als 20 Jahren intelligente und innovative Logistiklösungen als Antwort auf die Herausforderungen der Kunden in weltweiten Wertschöpfungsnetzwerken und Supply Chains

¹ Mit den Market Intelligence Initiativen (MII) realisiert TIM CONSULT seit 1999 valides Frachtenbenchmarking für Land-, Luft- und Seeverkehre. Die MII Community zählt mittlerweile mehr als 100 Mitglieder. Im Gegensatz zu anderen Anbietern ermöglichen die Benchmarking-Experten einen ganzheitlichen Marktüberblick, analysieren alle Einflussgrößen und arbeiten mit belastbaren Daten.

Seit August 2018 ist Tim Consult Teil der Transporeon Group. Durch die Erweiterung der Plattformen der Transporeon Group um das Portfolio von TIM CONSULT profitieren die Kunden von ganzheitlichen Beratungsleistungen und neuen, hochwertigen Market-Intelligence-Produkten sowie einem schnelleren Zugriff auf innovative Big-Data-Anwendungen.

2 Kapazitäten, Preise, Technologien: Erhebung über den europäischen Straßengüterverkehr 2018

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