ine kreisförmige, abstrakte Grafik, die das Profil eines nach vorne blickenden menschlichen Gesichts enthält. Innerhalb des Kreises befinden sich mehrere technische Ebenen und Segmente in den Farben Orange und Blau, die digitale Vernetzung und künstliche Intelligenz symbolisieren. Diese Grafik ist rechts neben der Schlagzeile „Beyond automation: when AI becomes your supply chain colleague“ platziert.

Mehr als Automatisierung: Wenn KI zum Kollegen in der Supply Chain wird

 

Philipp Pfister, Sector Vice President, Transporeon

03.03.2026 | 3 min

Wenn ein Logistikmanager gefragt wird, was ihm schlaflose Nächte bereitet, wird er immer dieselbe Antwort geben: zu viele Entscheidungen, zu wenig Zeit und der ständige Druck, alles richtig machen zu müssen. Was wäre aber, wenn KI diese Belastung verringern könnte, indem sie Routineentscheidungen wie die Auswahl von Spediteuren, die Routenoptimierung und das Ausnahmemanagement übernimmt? Den Menschen würde so mehr Zeit bleiben, sich auf Strategie und Beziehungen zu konzentrieren.

Das ist keine ferne Zukunft. Tatsächlich prognostiziert Gartner, dass bis 2030 50 % der Lieferkettenlösungen autonome Entscheidungsfindung beinhalten werden. Dies stellt eine bedeutende Verlagerung von der Ausführung von Aufgaben hin zum Erreichen von Ergebnissen dar.

Doch noch ist die Branche nicht so weit. Zwar verfügen  36 % der Spediteure über moderate oder rudimentäre KI-Fähigkeiten in ihren Transportmanagementsystemen, doch nur 1% nutzt derzeit fortschrittliche autonome Entscheidungsfindung. Aber die Dynamik nimmt zu: 23 % der Unternehmen skalieren bereits agentenbasierte KI-Systeme und weitere 39 % experimentieren damit.

Was unterscheidet agentenbasierte KI?

Die traditionelle Automatisierung folgt vorprogrammierten Regeln: Wenn X passiert, dann mache Y. Die agentische KI ist anders. Diese autonomen Systeme planen und führen mehrere Workflow-Schritte selbstständig aus. Sie sind zielorientiert. Sie überwachen Situationen. Sie treffen Entscheidungen. Sie ergreifen Maßnahmen innerhalb der vom jeweiligen Anwender festgelegten Grenzen.

Das bedeutet konkret: Die Automatisierung führt aus: „Buchen Sie diesen Spediteur zu diesem Preis“, während agentische KI Ergebnisse wie „Optimieren Sie die Frachtkosten unter Beibehaltung des Servicelevels“ verfolgt.

Wo sehen Verlader also Einsatzmöglichkeiten für agentische KI? Spot-Käufe, Spediteur-Überprüfungen, Echtzeit-ETA-Monitoring und Störungsmanagement stehen ganz oben auf der Prioritätenliste. Aber sobald Unternehmen belegen, dass es in diesen Bereichen funktioniert, ist es unwahrscheinlich, dass andere Teile der Lieferkette davon unberührt bleiben.

Das neue Paradigma: KI als Kollege

Der Ausdruck „KI als Werkzeug“ war am Arbeitsplatz gang und gäbe, wird aber zunehmend durch „KI als Kollege“ ersetzt. Dieser Vertrauenszuwachs spiegelt die folgende Denkweise wider: Zwei Drittel der Spediteure und mehr als die Hälfte der Transportunternehmen sehen die Hauptaufgabe von KI darin, repetitive Aufgaben zu automatisieren, um Menschen für höherwertige Tätigkeiten freizustellen. Dieser Wandel ist bereits spürbar. Agentische KI-Systeme werden zu vollwertigen Mitgliedern der Belegschaft.

Infolgedessen fragen Unternehmen nicht mehr, ob KI helfen kann. Stattdessen fragen sie zunehmend: „Kann KI das leisten und wie schnell kann sie Ergebnisse liefern?“

Doch auch wenn diese Systeme immer autonomer werden, bleibt der „Human-in-the-Loop“-Ansatz der bevorzugte Ansatz. Das bedeutet, dass KI-Agenten wie neue Kollegen behandelt werden und nicht nur wie Software. Mit anderen Worten: Wie bei jedem neuen Mitarbeiter benötigen sie klare Tätigkeitsbeschreibungen, kontinuierliches Feedback und eine fortlaufende Bewertung, um zu effektiven, zuverlässigen Mitarbeitern und Partnern zu werden.

Und die Rollen entwickeln sich bereits weiter. Disponenten und Planer gehen dazu über, nicht mehr jede Aufgabe manuell zu erledigen, sondern intelligente Agenten zu beaufsichtigen. Sie sind zwar weiterhin für die Entscheidungen verantwortlich, deren Ausführung jedoch von KI übernommen wird.

Die Realität der Infrastruktur: Daten, Netzwerke und Modularität

Es ist keine Überraschung, dass die Datenqualität nach wie vor das größte Hindernis bei der Einführung darstellt. Seit Jahren ist dies das meistdiskutierte Thema in der Branche. Mehr als die Hälfte der Verlader und Spediteure nennen dies als ihr größtes Problem.

Doch selbst hochwertige Daten reichen nicht aus, wenn sie isoliert bleiben. Von entscheidender Bedeutung ist die Netzwerkkonnektivität, da sie das Potenzial der KI verstärkt: Systeme lernen schneller, wenn sie über Handelspartner hinweg verbunden sind und Erkenntnisse aus gemeinsamen Echtzeitinformationen statt aus isolierten Datensätzen gewinnen.

Auch die Modularität spielt eine Rolle. Unternehmen müssen in der Lage sein, agentenbasierte KI in ihre bestehenden Systeme zu integrieren, statt alles von Grund auf neu aufzubauen. Dieser Ansatz ermöglicht es Unternehmen, agentenbasierte Funktionen schrittweise einzuführen und dabei ihr Tempo an ihre Ressourcen und ihre technischen Voraussetzungen anzupassen.

Warum Steuerung so wichtig ist

Je mehr Entscheidungen eine KI selbstständig trifft, desto wichtiger wird die Steuerung. Das bedeutet, klare Grenzen zu setzen: Was dürfen KI-Agenten tun und was ist tabu? Solche Leitplanken ermöglichen eine sichere KI-Nutzung, die genau den Absichten des jeweiligen Anwenders entspricht.

Der Schlüssel liegt darin, diese Leitplanken vor der Skalierung festzulegen, nicht erst, wenn etwas schiefgeht. Unternehmen sollten die Leistung der KI-Agenten in jedem Schritt des Workflows verfolgen und nicht nur die Endergebnisse überprüfen. So können sie Fehler frühzeitig erkennen und kontinuierlich Verbesserungen vornehmen. Das verschafft ein Maß an Transparenz, das über Pilotprojekte hinaus von entscheidender Bedeutung ist. Die Zusammenarbeit mit markterprobten Plattformen und einem vertrauenswürdigen Netzwerk kann dabei helfen, Implementierungen zielgerichtet zu gestalten.

Der Weg bis 2030

Wenn 2025 das Jahr der KI-Experimente war, dann muss 2026 das Jahr der KI-Beschleunigung sein, um bis 2030 eine 50-prozentige Akzeptanz der agentenbasierten KI zu erreichen. 

Wie sieht der Fahrplan zum Erfolg aus?

Zunächst sollten Unternehmen die Verfügbarkeit von Daten bewerten und. anschließend Pilotprojekte in isolierten Umgebungen (sandboxes) realisieren. Dann marktbewährte Steuerungsrahmen etablieren oder übernehmen. Zudem ist es wichtig, in Netzwerk-Konnektivität sowie in die Fähigkeiten der Mitarbeiter zu investieren. Das bedeutet konkret, dass Teams für die Zusammenarbeit mit und die Überwachung von KI-Agenten geschult werden.

Es steht außer Frage, dass KI-Kollegen ein fester Bestandteil der Supply-Chain-Teams von morgen sein werden. Die Technologie hat ihre Reichweite schon unter Beweis gestellt: In den USA beispielsweise zeigen Untersuchungen, dass KI bereits Aufgaben übernehmen kann, die 11,7 % der Arbeitskräfte ausmachen. Bis zum Ende des Jahrzehnts wird das globale Potenzial für Effizienzsteigerungen und Kostensenkungen erheblich höher sein.

Maßstab für Exzellenz wird nicht allein der Automatisierungsgrad sein, sondern auch die Geschäftsergebnisse, die Mensch-KI-Teams gemeinsam erzielen. Die Unternehmen, die die richtige Steuerung, Infrastruktur und, was vielleicht am wichtigsten ist, die richtige Kultur aufbauen, um diese Partnerschaft zu unterstützen, werden die nächste Ära der Supply-Chain-Führung prägen.