Geringere Transportkapazitäten: der Fahrermangel und seine Auswirkungen auf Industrie und Handel (Teil 1)

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Verlader bekommen knappe Transportkapazitäten im Markt zu spüren

Der Fahrermangel beeinträchtigt die im Markt verfügbaren Transportkapazitäten: Seit Herbst 2017 sehen sich viele verladenden Unternehmen regelmäßig mit einem in dieser Form bis dato unbekannten Problem konfrontiert: Selbst Spediteure, die bereits seit Jahren verlässlich für die Verlader fahren, lehnen trotz langfristiger Transportkontrakte und fest vereinbarter Transportraten von einem Tag auf den anderen die Übernahme von Transportaufträgen ab. Es steht aufgrund des Fahrermangels kein Fahrer oder auch kein leerer Lkw für die Auslieferung zur Verfügung.

Die verladenden Unternehmen müssen dann rasch reagieren. Wenn sie Glück haben, finden sie trotz Fahrermangel und knapper Transportkapazitäten unter den Carriern, mit denen sie auf Basis von Jahreskontrakten bevorzugt zusammenarbeiten, einen anderen Frachtführer, der noch freien Frachtraum hat. Oftmals müssen aber auch die Kunden informiert werden, dass Bestellungen nicht zum vereinbarten Termin geliefert werden können. Beides ist für die Verlader problematisch: Im ersten Fall fällt zusätzlicher administrativer Aufwand an.

Der zweite Fall hat Auswirkungen auf die Kundenzufriedenheit. Und das in Zeiten, in denen die Zulieferindustrie immer höheren Kundenanforderungen gerecht werden soll: Im Zuge der branchenübergreifenden Realisierung von Fließproduktion und „lean production“ sind die Liefermengen kleiner geworden, die Lieferfristen immer kürzer getaktet. Das bringt für verladende Unternehmen mehr Transporte mit sich, was das Transportlogistikbudget zusätzlich belastet. Gleichzeitig steigt der Konkurrenzdruck, die Preise und Kosten müssen sinken. Was tun, um trotz Engpässen bei Transportkapazitäten auch infolge des Fahrermangels Lieferungen fristgerecht zum Kunden zu bringen?

Knappe Transportkapazitäten sorgen für höhere Kosten durch zusätzlichen administrativen Aufwand – und steigende Transportpreise

Wenn Industrie und Handel ihre Waren auch in Zukunft zu wettbewerbsfähigen Preisen anbieten wollen, müssen die Logistikkosten innerhalb der Unternehmen zumindest konstant bleiben. Stattdessen vergrößern die geringeren Transportkapazitäten infolge Fahrermangels den administrativen Aufwand in der Auftragsbearbeitung und lassen die Transaktionskosten steigen. Das gilt vor allem für die Mehrzahl all derjenigen Verlader, die trotz fortschreitender Digitalisierung in der Transportlogistik weiterhin auf manuelle Prozesse setzen.

Hinzu kommt, dass seit Herbst 2017 die Spediteure die Transportpreise deutlich angehoben haben. Im Oktober 2017 war im Markt die geringste verfügbare Transportkapazität zu beobachten gewesen (Quelle: Transporeon: Transport Market Monitor). Die angespannte Marktlage – freie Transportkapazitäten auf niedrigerem Niveau – nutzten die Spediteure, um die Transportpreise anzuheben. Obwohl zu Jahresbeginn 2018 saisonal bedingt wieder mehr freier Frachtraum verfügbar war, sind die Transportpreise nicht, wie zu erwarten war, gesunken – im Gegenteil: Im 2. Quartal lagen sie sogar mehr als 17 Prozent über den Transportpreisen von Q2 2017. Das deutet darauf hin, dass die Transportdienstleister erneut mit einer Verknappung der Transportkapazitäten rechnen.

Die neue Normalität: verfügbare Transportkapazitäten auf historisch niedrigem Niveau

Seit Herbst 2017 bewegte sich die verfügbare Transportkapazität in Europa um ein historisch niedriges Niveau (Quelle: Transport Market Monitor). Das scheint sich dieses Jahr fortzusetzen, worauf aktuelle Erhebungen aus der Transporeon-Plattform hindeuten. Dabei folgt die Entwicklung auch dem Trend aus 2017: Im 2. Quartal dieses Jahres waren die Transportkapazitäten mit -36 Prozent über ein Drittel geringer als noch im 1. Quartal 2018.

Fassen wir zusammen: Wie es den Anschein hat, ist auf Dauer weniger freier Laderaum im Markt vorhanden. Gleichzeitig steigen und sinken die frei verfügbaren Transportkapazitäten im Jahresverlauf und folgen dabei dem Muster aus 2017. Das würde bedeuten, dass verladende Unternehmen spätestens ab Herbst dieses Jahres wieder mit einem Einbruch der insgesamt auf dem Markt verfügbaren Transportkapazitäten rechnen müssen – bei anhaltend hohen Transportpreisen. Erneut werden die vom Fahrermangel betroffenen Spediteure dann – wie schon von März bis Mai dieses Jahres – die Übernahme von Transportaufträgen ablehnen müssen. Verlader, die auf schwankende und vor allem knappe Transportkapazitäten vorbereitet sein wollen, sollten umgehend reagieren.

Tipps: Wie verladende Unternehmen flexibler auf Fahrermangel, knappe Transportkapazitäten und Schwankungen der Transportkapazitäten reagieren können

Verlader sollten sich digital mit ihren Transportdienstleistern vernetzen.

Über 50 Prozent aller Verlader aus Industrie und Handel setzen in der Transportlogistik immer noch auf zu viele manuelle Prozesse (Quelle: Studie „Alles 4.0 oder doch nur Hype? Schlüsseltrends der Transportlogistik“, RWTH Aachen University/Transporeon). Transportausschreibungen erfolgen über Fax und E-Mail. Transportaufträge werden per Telefon und E-Mail vergeben. Das kostet unnötig Zeit und Geld. State-of-the-art sollte hingegen der Informationsaustausch und die Zusammenarbeit über onlinebasierte Netzwerke sein.

Tipp 1: Manuelle Prozesse durch digitale Transportlogistik-Lösungen ersetzen für Zeit- und Kostenersparnisse

Über die cloudbasierte Transporeon-Plattform beispielsweise haben die Logistikabteilungen der verladenden Industrie- und Handelsunternehmen, ihre Zentrallager und Verteilerzentren sowie zehntausende Speditionen (Logistik- und Transportdienstleister, externe Lagerbetreiber/3PLs, Spediteure und Vermittler) Zugriff auf digitale Services. Zu diesen zählen beispielsweise Transportausschreibungen (Tendering), die Frachtratenverwaltung (Rate Management), die Transportbeauftragung, die Sendungsverfolgung inkl. Echtzeitverfolgung von Transporten (Mobile Order Management MOM) oder das Management von Zeitfenstern für die Be- und Entladung.

Weniger Arbeitsaufwand, einfache Abstimmungsprozesse, optimierte Routenplanung und verlässliche Beladung zur vereinbarten Zeit – all das macht Verlader zu einem attraktiven Partner für Speditionen. Das ist gerade in Zeiten von Engpässen bei verfügbaren Transportkapazitäten im Markt von großem Wert. Mit der automatisierten Transportvergabe liegen Anfragen und Angebote innerhalb von Minuten vor. Lehnen Spediteure Transportaufträge unerwartet kurzfristig ab, ist das verladende Unternehmen umgehend hierüber informiert. Es kann zudem mit einem Blick in das System alternative Frachtführer finden und per Mausklick kontaktieren.

Tipp 2: Verlader sollten durch umfassende Digitalisierung ihrer Transportlogistik die ersten Schritte auf dem Weg zu einer Transportlogistik 4.0 beschreiten.

Die konsequente Digitalisierung der Transportlogistik ist die Grundvoraussetzung, damit Verlader mit den vertrauten und neuen Transportdienstleistern überhaupt transparent und effizient zusammenarbeiten können. Sie ist aber nur ein weiterer Schritt auf dem Weg in die Transportlogistik der Zukunft, die von allumfassender Kooperation und vertikalem sowie horizontalem Datenaustausch sowie der intelligenten Datennutzung zum Nutzen aller geprägt sein wird.

Tipp 3: Verlader sollten die Strategie ihrer Transportvergabe an limitierte und schwankende Transportkapazitäten anpassen.

Eine Möglichkeit, in Zeiten des Fahrermangels auf schwankende und geringere Transportkapazitäten auf dem Markt angemessen zu reagieren, ist das jährlich anfallende Transportvolumen aufzuteilen. Neben Transportraten, die an Speditionen mit festen Kontrakten vergeben werden, kann ein Teil des Transportvolumens auf dem Spotmarkt angeboten werden. Hierdurch sichern sich Verlader auf dem Spotmarkt auch dann die Aufmerksamkeit der Transportdienstleister, wenn es besonders nötig ist – in Zeiten von knappen verfügbaren Transportkapazitäten. So können für kurzfristig umdisponierte Lieferungen tagesaktuell leichter Angebote zu akzeptablen Transportpreisen abgerufen werden.

Lesen Sie hier das Interview mit Jan Rzehak, Director Business Consulting bei der Transporeon Group:

Digitale Transportlogistiklösungen sind eine effiziente Antwort auf Engpässe bei Transportkapazitäten infolge Fahrermangels.

Der Experte führt zusätzlich zum anhaltenden Fahrermangel weitere Gründe der wiederkehrenden Engpässe bei den verfügbaren Transportkapazitäten auf und nennt sinnvolle Strategien, um angemessen auf die neue Marktsituation zu reagieren. So stellt er beispielsweise die Vorteile einer konsequenten Digitalisierung vor und erklärt, wohin sich die Branche auf dem Weg zu einer Transportlogistik 4.0 bewegt.